Wenn die Angst, allein zu sein, plötzlich alles überlagert
Es war ein unspektakulärer Tag. Fast. Und doch war da diese Angst, allein zu sein, die sich leise, aber hartnäckig meldete.
Meine Mutter war gerade wieder abgereist, nachdem wir ein paar Tage zusammen verbracht hatten.
Du weißt schon, diese weichen Momente, in denen man ein bisschen loslassen darf. In denen man nicht so tun muss, als wäre alles okay. In denen Umarmungen immer noch nach Kindheit duften.
Mein damaliger Partner und ich hatten sie zum Flughafen gebracht. Danach fühlte ich mich leer. Nicht einfach traurig. Leer. Erschöpft von zu vielen aufgestauten Emotionen. Zerbrechlich.
Diese Angst, allein zu sein, war nicht neu. Aber an diesem Tag war sie lauter als alles andere.
Ein „Nein“ trotz der Angst, allein zu sein
Damals lebte ich in einer Fernbeziehung. Und an diesem Abend wollte er, dass ich zu ihm komme und dort übernachte. Aber am nächsten Morgen hatte ich meinen Zumba-Kurs.
Klingt vielleicht banal. Aber für mich war das nicht „nur“ ein Kurs.
Das war mein kleines tägliches Versprechen an mich selbst. Meine Resilienzroutine. Ein Moment, um mit meinem Körper in Verbindung zu kommen, um Atem zu finden, um die Angst herauszutanzen.
Ich versuchte, ihm das ruhig zu erklären. Dass ich es brauche. Dass es wichtig ist für mich Leider verstanden wir uns nicht.
Ich merkte plötzlich, wie sehr mich meine Angst, allein zu sein, dazu brachte, Dinge zu akzeptieren, die mir eigentlich nicht gut taten. Und da saß ich – auf einer Bank am Flughafen, mit Tränen in den Augen und einem seltsam klaren Kopf – und sagte diesen Satz:
„Ich liebe Dich – aber ich muss mich selbst mehr lieben.“
Nicht, weil ich aufgehört hatte zu lieben.
Sondern weil ich keine Energie mehr hatte, die ich verschenken konnte, ohne mich selbst dabei immer ein bisschen mehr zu verlieren.
Und an diesem Abend traf ich eine Entscheidung: Ich stelle mich selbst wieder in den Mittelpunkt meines Lebens.
Was ich an diesem Tag gelernt habe
Ich war am Tiefpunkt.
Ohne Job.
In einer Beziehung, die sich gerade auflöste.
Und mit Panikattacken, die an mir klebten wie mentale Kaugummis an den Schuhsohlen.
Und meine Angst, allein zu sein, verstärkte alles noch. Jede Emotion wurde größer. Schwerer. Dramatischer.
Aber trotz all dem – oder vielleicht genau deshalb – tat ich etwas Gewaltiges: Ich sorgte für mich selbst. Ich beschloss, mich zu respektieren. Nicht mehr das aufzugeben, was mir gut tut, nur um Erwartungen zu erfüllen.
Und weißt Du was? Dieser eine Moment, so klein er wirken mag, war der Anfang von etwas Neuem.
Damals wusste ich noch nicht, dass dieser Abend – so düster er mir auch erschien – ein Wendepunkt war. Ein Moment, der alles veränderte.
Die Übung der Lebenslinie
Jahre später wurde mir das erst richtig bewusst – bei einer ganz einfachen Übung während meiner Coaching-Ausbildung: Ich entdeckte, dass in mir schon damals eine Kraft war.
Ein Wille, für mich selbst einzustehen, auch wenn ich dachte, dazu nicht mehr in der Lage zu sein.
Diese Übung gebe ich heute oft an Klient·innen weiter. Sie wirkt unscheinbar, aber sie hat mir geholfen, meine Geschichte anders zu sehen. Man nennt sie: die Lebenslinie.
So funktioniert’s:

Nimm ein großes Blatt Papier (am besten A3, quer).
Zeichne eine lange horizontale Linie – sie steht für die Zeit, von Deiner Geburt bis heute.
Füge links eine vertikale Achse ein – sie steht für Dein persönliches Empfinden:
Ereignisse, die sich sehr positiv anfühlten, zeichnest Du weiter oben ein.
Schmerzhafte oder schwierige Momente weiter unten.
Dann wähle fünf Lebensbereiche aus, z. B.:
💼 Arbeit / Beruf
🧡 Liebe / Beziehungen
🏠 Familie
👥 Freundschaften
🌱 Inneres Wohlbefinden / Spiritualität
Zeichne für jeden Bereich eine eigene Kurve (mit Farben, wenn Du magst). Markiere Höhen und Tiefen – die wichtigen Ereignisse – und verbinde die Punkte zu Linien.
Auswertung der Lebenslinie
Nimm Dir dann etwas Zeit, um das Gesamtbild zu betrachten:
- Kreuzen sich bestimmte Phasen?
- Gab es Zeiten, in denen alles gleichzeitig gut war?
- Oder Momente, in denen alles gleichzeitig schwierig war?
- Erkennst Du wiederkehrende Muster?
- Welche Ressourcen haben Dir beim Aufstehen geholfen?
- Welche Stärken ziehen sich durch Dein Leben?
Was ich gesehen habe…hat mich tief berührt. Denn da, auf Papier – bei mir eher in Regenbogenfarben als schwarz-weiß – sah ich plötzlich klar: Jeder Absturz war von einem Aufstieg gefolgt.
Und selbst in Phasen, in denen die Angst, allein zu sein besonders stark war, folgte irgendwann wieder ein Aufstieg. Nicht immer sofort. Nicht immer spektakulär. Aber immer echt. Und das hat gut getan. Sehr sogar.
Und Du?

Gab es in Deinem Leben einen Moment, in dem Du Dich selbst gewählt hast – auch wenn es schwer war?
Oder einen, in dem Du es gerne getan hättest… aber noch nicht konntest?